Within Temptation.......ein Interview in Wien vom 24.08.2003

WIE PHOENIX AUS DER ASCHE

Within Temptation

Manchmal gestaltet sich das Musikerleben schon etwas seltsam. Da veröffentlicht eine hoffnungsvolle Band aus den Niederlanden, also WITHIN TEMPTATION, im Jahre 2001 auf dem kleinen Label namens DSFA Records ein fulminantes Studioalbum „Mother Earth“ und niemand nimmt so richtig Notiz davon. Es bleibt also still um WITHIN TEMPTATION, niemand hört mehr etwas von ihnen und bis auf einige Festivalauftritte, bei denen sie die Zuschauer begeistern können, verschwinden sie wieder von der Bildfläche. Dann bekommen die Holländer einen Vertrag bei einem Major Label und plötzlich, wie ein Phönix aus der Asche, erheben sich WITHIN TEMPTATION mit ihrer Hitsingle „Ice Queen“ in alle Videohitparaden und sind über Nacht in aller Ohren und Munde. Ein Grund mehr also, der bezaubernden und sympathischen Sängerin Sharon den Adel, sowie Gitarrist und Songwriter Robert Westerholt am Rande des Metal Festes in Wien ein bisschen auf den Zahn zu fühlen. So treffe ich die beiden nach ihrem gelungenen Auftritt bei o.g. Festival backstage, um ihnen eine plausible Erklärung für diesen doch eher späten Erfolg abzuringen.

Ist es denn nicht ein etwas komisches Gefühl im Jahre 2003 auf der Bühne zu stehen und die relativ alten Songs dem Publikum als fast neu vorzustellen? Ist es nicht auch seltsam, nachdem so viel Zeit seit der eigentlichen Veröffentlichung von „Mother Earth“ ins Land gezogen ist, erst jetzt die Lorbeeren dafür zu ernten?
Sharon und Robert sind beide sehr gut gelaunt und beginnen erst einmal eine Diskussion, wer denn nun antworten darf. Nachdem Robert kleinbei gibt und mir mitteilt, dass Sharon wohl Recht bekomme, weil sie schlecht gelaunt sei, was nur ein Witz ist, sind die Fronten geklärt.
„Also, es ist kein so komisches Gefühl, diese Songs zu spielen, definitiv nicht, schließlich stehen wir ja immer noch voll und ganz hinter diesen Songs, auch wenn wir sie schon fast vor Ewigkeiten geschrieben haben. Diese Stücke repräsentieren immer noch genau das, was WITHIN TEMPTATION heute fühlen und denken, ich habe damit absolut kein Problem. Wenn wir unseren Musikstil in der Zwischenzeit geändert hätten, dann wäre es sehr wohl ein Problem für mich.“ Und was denkt Robert darüber? „Ich stimme voll und ganz mit Sharons Meinung überein!“

Du musst das jetzt so sagen, oder? Robert zeigt mir eine mittelgroße Narbe an seinem Schienbein und schaut mich nur an. Aha, sie tritt ihn, wenn er widerspricht, haha. Alleine aus diesen ersten Minuten des Interviews ist leicht zu erkennen, dass die beiden gut gelaunt sind. Aber zurück zur Musik. Wenn ihr also demnach konsequent bleibt, dann werdet ihr die ganz alten Songs von 1997 wohl nicht neu veröffentlichen. Robert erklärt auch warum. „Ja, wir werden das definitiv nicht tun. Früher spielten wir eine völlig andere Art Musik, das lässt sich mit `Mother Earth` nicht mehr nachvollziehen. Dieses Album entstand ja auch viel früher als `Mother Earth` und beschreitet musikalisch eine andere Richtung. Unser Debüt repräsentiert nicht die Band WITHIN TEMPTATION wie sie heute existiert.“

Und auch Sharon fügt noch etwas hinzu. „`Mother Earth` wurde eigentlich nur deshalb neu veröffentlicht, weil das Album damals nur in den Beneluxstaaten wirklich bekannt war und gut lief, ansonsten ging es einfach unter. Unser früheres Label DSFA Records war ein kleines Label, das wenig Geld für Werbung und Vertriebe zur Verfügung hatte. Außerdem fehlten die richtigen Kontakte, die wir nun endlich haben. Es ist allerdings schon ein bisschen komisch, wenn wir uns jetzt so im Video sehen, es hat sich viel getan in den letzten Monaten.“

Robert weiß aber noch einen wichtigen Grund für den plötzlichen Erfolg. „Der Schlüssel zum Erfolg besteht für eine Band wie WITHIN TEMPTATION auch darin, endlich bekannt zu werden, sich ins Gespräch zu bringen. Die Leute müssen über dich reden, dich live sehen und über dich in Magazinen lesen können. Vor zwei Jahren, als wir `Mother Earth` ursprünglich veröffentlichten, waren die Vorrausetzungen ganz anders gelagert. Außerdem haben wir endlich die Möglichkeit auch oft live aufzutreten, und das ist ebenfalls ein Schlüssel zum Erfolg. Das ist letztlich auch die Chance, dass dich auch andere Leute kennen lernen, die nicht unbedingt diese Musik hören oder eben mit dem Namen WITHIN TEMPTATION gar nichts anfangen können.“
Ihr nehmt das ja sehr ernst und spielt auf vielen Festivals! „Ja, wir haben in der Vergangenheit viel in den Beneluxstaaten gespielt, aber nun seit einigen Monaten können wir endlich auch im restlichen Europa auftreten. Das war bisher auch recht erfolgreich.“

Ihr hattet jetzt zwei Jahre Zeit, an neuen Songs zu basteln. Gibt es schon welche? Heute habt ihr je einen neuen Song gespielt, zumindest kannte ich den noch nicht. Sharon klärt mich auf. „Ja, wir arbeiten fleißig an neuen Songs und wir haben heute tatsächlich auch zwei neue Songs vorgestellt. Eigentlich wollten wir noch mehr spielen, aber unser Label meinte eben auch, das sei nicht sehr gut, immerhin kennen die Leute ja auch unser `Mother Earth`-Album erst seit wenigen Monaten.
Wir gehen mit den neuen Songs zwar in dieselbe musikalische Richtung, wir wollen aber definitiv keinen zweiten Teil von `Mother Earth` aufnehmen, die gewisse Originalität wollen wir uns auf alle Fälle beibehalten. Wir bringen auch wieder neue musikalische Aspekte mit ein, obwohl es schon dem Grunde nach in Richtung `Mother Earth` gehen wird.“

Ihr hattet heute am Nachmittag sogar eine richtige Show mit schönem Bühnenaufbau und Feuereffekten am Start, das ist doch bestimmt teuer und aufwendig für 45 Minuten? Robert weiß dafür eine simple Erklärung. „Ja, schon, die Crew hat nicht gerade viel Zeit, das alles aufzubauen und so mussten wir einige Leute zusätzlich engagieren, die halfen, damit wir hier überhaupt mit der kompletten Show spielen konnten. Die Crew arbeitet sehr hart, schließlich müssen sie den Umbau in kürzester Zeit schaffen. Ich mag aber eine Bühnenshow, das gehört zum Metal und Rock dazu. Ich gehe ja auch gerne zu einem Live-Konzert, wenn die Band eine Bühnenshow bietet und nicht nur wegen der Musik. Diese beiden Komponenten gehören doch irgendwie eng zusammen, wie ich finde.“ Sharon ergänzt: „Gerade die Musik, wie wir sie spielen, vermittelt auch einen eher visuellen Aspekt, den man auf der Bühne auch optisch unterstützen und umsetzen sollte. Das macht mehr Sinn, als wenn wir uns nur in Jeans auf die Bühne stellen und unsere Songs singen würden. Das wäre nicht so gut. Die Kleidung und die Effekte ergänzen unsere Songs und die Musik an sich, das ist es einfach.“

Robert verweist auf andere Bands. „Also ich mag z.B. Iron Maiden oder Marilyn Manson und deren Live-Shows, weil ich immer mit etwas überrascht werde. Wir wollten eben eine rein ergänzende Live-Show und wir sind ja erst am Anfang unserer Karriere. Es wird also in Zukunft immer wieder neue Aspekte geben und einige Überraschungen. Wir haben ja nun mehr Möglichkeiten, alles ein bisschen größer, perfekter und effektvoller zu gestalten, aber nie vorhersehbar, das ist wichtig.“

Stimmt, zuletzt hattet ihr ja aufblasbare Kakteen und Bäume auf der Bühne, heute eine Himmelkulisse mit Engeln!
Werdet ihr aufgrund eurer Texte und der letztjährigen Bühnenshow eigentlich nicht von „Unwissenden“ als Ökoband eingestuft? Robert erklärt:
„Nein, ich denke nicht, denn `Mother Earth` hat so viele unterschiedliche Gesichter. Es ist einerseits mysteriös und spricht doch mitten aus dem Leben eines jeden Menschen. Zudem behandeln wir keltische Geschichten über die Natur, denn jeder wird in seinem Leben ständig mit der `Mother Earth` konfrontiert. Wir haben so viele einzelne Geschichten, die mit Mutter Erde zu tun haben. Es war eine sehr schöne Sache, diese einzelnen Songs so zusammenzusetzen.“

Sharon Sharon erläutert genauer. „Der Song `Farewell` handelt vom Tod eines geliebten Menschen, was eigentlich eine ganz natürliche Sache ist und zum Leben bzw. der Natur dazugehört. `Mother Earth` ist ein Song über die Macht, die unsere Natur über uns Menschen hat, egal wie wir sie auch beeinflussen möchten, wir sind nur ganz kleine Gestalten und haben gegen die Natur keine Chance.“ Und noch einmal meldet sich Robert. „Wir können zum Glück das Wetter noch nicht ändern, wir leben in einem kleinen Segment aus der langen Zeitgeschichte der Erde, das ist ein winzig kleiner Abriss.“

Sharon, ich weiß, dass du Tori Amos sehr magst. Als ich deine Stimme damals zum ersten Mal gehört habe, war mein erster Gedanke, du musst die Tochter von Kate Bush sein. Nun habe ich gesehen und heute auch live gehört, dass ihr tatsächlich „Running Up That Hill“ von eben dieser Kate Bush gecovert habt. Warum?

„Tja so viele Leute haben mir gesagt, dass ich wie Kate klinge. Ich finde es nicht schlimm, es war aber auch keinerlei Absicht dabei. Wir haben das auch erst richtig realisiert, als das Album komplett aufgenommen war und einige sagten, ich hätte die gleiche Stimme wie Kate Bush. Ich erinnerte mich plötzlich daran, dass mein Vater in seiner Sammlung eine LP von Kate Bush stehen hatte. Die habe ich mir dann angehört und die anderen Leute hatten Recht. Kate und ich haben die gleiche Technik beim Singen. Das war im Nachhinein schon sehr faszinierend. Der Coversong passt eben perfekt zu meiner Stimme, ich mag ihn sehr gern."

Hast du eigentlich auch eine professionelle Gesangausbildung? „Nein, ich bin eine Badezimmer- und Duschsängerin. Ich war zwar früher schon im Chor und hatte auch einen Lehrer, der mir die Atemtechnik beibrachte, aber das war es auch.“

Deine Lieblingsalben von Tori Amos? „Das sind eindeutig `Strange Little Girls` und `Little Earthquakes`, die sind beide nur noch genial!“

Sharon, was stellst du eigentlich auf der Bühne dar, wenn du mit deinem weißen Kleid über die Bretter schwebst? Bist du eine Elfe oder ein Engel? „Ich bin die Rache der Natur oder ein Rachenegel, je nachdem, das hängt vom jeweiligen Song ab, da in jedem einzelnen auch wieder andere Emotionen stecken. `The Promise` handelt beispielsweise von einer Frau, die für den Mord an ihren Gatten Rache nimmt, dann spiele ich eben die böse Frau.“

Was ist nun euer großer Wunsch für die nächsten Monate? „Jetzt möchten wir einfach schnell das neue Album fertig stellen. Wir hoffen, dass dies wirklich nicht mehr allzu lange dauern wird, denn jeder wartet schon ungeduldig darauf. Außerdem werden wir noch einige Live-Shows gegen Ende dieses Jahres spielen, auch in Deutschland. Aber es ist immer wieder ein schönes Gefühl, etwas Neues präsentieren zu können und darauf freuen wir uns schon ganz besonders.“

Dann sind wir einfach gespannt, wie sich der Nachfolger von „Mother Earth“ gestalten wird. Ich kann euch nur eine ihrer Live-Shows empfehlen, denn auf der Bühne wissen die Holländer wirklich zu überzeugen, wie sie an diesem Wochenende hier in Wien eindrucksvoll beweisen konnten. Für Fans von melancholischer Musik wie etwa The Gathering sei WITHIN TEMPTATION somit wärmstens empfohlen.

Autor: Tom Klaner

Danke auch an "Bright Eyes Germany" für die freundliche Unterstützung.